In einer Stadt, die weltweit für Chianti und Brunello steht, würde kaum jemand eine deutsch geprägte Biergeschichte vermuten. Doch genau diese verbirgt sich hinter Birra Bader. Als der Wittenberger Braumeister Wilhelm Bader 1876 nach Siena kam, brachte er nicht nur sein Handwerk mit, sondern auch die damals revolutionäre Pilsner-Brauweise. Mithilfe der mittelalterlichen unterirdischen Wasserstollen der Stadt entstand so eine der ungewöhnlichsten Erfolgsgeschichten der italienischen Bierkultur.
Bier-Überraschung in der Toskana
Natürlich schaut man sich in Siena die Piazza del Campo mit dem 102 Meter hohen Glockenturm Torre del Mangia an. Immerhin ist dieser gewaltige, muschelförmige Platz jedes Jahr Austragungsort eines berühmten Pferderennens. Der sogenannte Palio wird jedes Jahr im Sommer um den 2. Juli und um den 16. August veranstaltet und lässt tausende Menschen auf die Piazza strömen. Schlendert man von hier in Richtung Dom (auch unbedingt sehenswert) und erwischt dabei die Via delle Campane („Glockenstraße“) kommt man am „Chiosco Birra Bader„ vorbei. An „Kiosk“ denkt unsereins nicht gerade, wenn man die urigen, kleinen Räumlichkeiten sieht. Wir fragen den freundlich engagierten Kellner was es mit der deutschen Bier-Bezeichnung auf sich hat. Wenig später stehen sechs Gläser verschiedener Biere zur Degustation auf dem Tisch. Die gemischte Platte mit den toskanischen Spezialitäten ist die perfekte Ergänzung dazu. Ich greife zuerst zum Weizen. Wahnsinn, ein wirklich vernünftiges Weissbier, gebraut in der Toskana. Sogar eine Gose wird gebraut. Ein frisches, leicht säuerlich schmeckendes Bier, wie es auch in meiner Heimatstadt Leipzig erzeugt wird. Lustvoll geht es weiter mit ungefiltertem Kellerbier und Schwarzbier. Bei 30 Grad im Juni muss Mann sich ja beeilen, dass die Blumen des Biers nicht restlos verblühen.


Die Geschichte von Birra Bader
Die Ursprünge der Brauerei reichen bis ins Jahr 1876 zurück. Gründer war der aus Deutschland stammende Wilhelm (italienisch: Guglielmo) Bader. Er kam nach Siena und übernahm dort eine bereits bestehende, wirtschaftlich angeschlagene Brauerei. Bader aus dem sachsen-anhaltinischen Wittenberg brachte die deutsche Braukunst, insbesondere die untergärige Brauweise, mit in die Toskana. Untergärig bedeutet, dass bei niedrigen Temperaturen (ca. 4 bis 15 °C) gebraut und eine spezielle Hefe genutzt wird. Diese sinkt nach der Gärung auf den Boden des Gärtanks. Im tschechischen Plzen wurde bereits seit 1842 auf diese Art das berühmte Pilsner Urquell gebraut. Die Marke Bader entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einer bekannten Biermarke in Siena und darüber hinaus in der Toskana. Die historische Brauerei bestand bis 1938, als der Betrieb endgültig eingestellt wurde. Erst in jüngster Zeit wurde die Marke von dem Unternehmer Marco Cheli wiederbelebt.


Warum ausgerechnet Siena?
Eine entscheidende Voraussetzung zum Gelingen des Bier-Projekts waren die sogenannten „Bottini“. So nennt sich das mittelalterliche unterirdische Wassersystem Sienas. Diese Tunnel lieferten nicht nur hochwertiges Wasser, sondern damit auch die Kühlung, die für die Herstellung untergäriger Biere notwendig war. Genau deshalb fand Bader in Siena überraschend günstige Bedingungen für die Produktion von Pils- und Lagerbieren vor. Das heutige Unternehmen verweist sogar auf einen historischen Mietvertrag vom 26. Mai 1876, der die Nutzung von Wasser aus den Bottini für die Bierherstellung dokumentiert.
Das Mosaik im Dom von Siena
Die Gründungsgeschichte Sienas ist in dem weltberühmten, kunstvollen Marmorboden der Kathedrale Santa Maria Assunta verewigt. Im Hauptschiff befindet sich eines der ältesten Paneele des Bodens, die „Wölfin von Siena“. Das runde Mosaik zeigt im Zentrum die säugende Wölfin mit den beiden Knaben Senius und Aschius. Sie ist von den Wappentieren der acht historisch verbündeten Städte umgeben. Das ursprüngliche Mosaik stammt aus dem Jahr 1373. Während die meisten anderen der 56 Bodenplatten im Dom in der aufwendigen Marmorintarsia-Technik gefertigt sind, ist dieses spezifische Gründungsbild das einzige, das als echtes, klassisches Mosaik verlegt wurde.



